Der lange Weg zu den Faktoren "Model 2010"...

1975 war das Jahr, in dem die weltweite Vereinigung von Leichtathletik-Senioren gegründet wurde - die WAVA. Die Aufgabe, die diese WAVA zu bewältigen hatte, war vielschichtig und kompliziert. Dieser Verband befand sich am absoluten Nullpunkt - ohne Grundwissen in jeder Beziehung. Die Altersklassen mussten zunächst strukturiert werden. Damit verbunden waren die neuen Gewichte der Wurfdisziplinen, die im Laufe der Jahre eingeführt wurden; die Laufstrecken bekamen unterschiedliche Längenmaße usw.

Alles, was wir heute als selbstverständlich hinnehmen, musste Schritt für Schritt erstellt werden. Hinzu kamen die Mehrkämpfe mit der ersten Faktorenbewertung. Sie waren das größte Problem, da es hierfür keine Vorgaben und Grundkenntnisse gab. Die Vorgaben wurden erst im Lauf der Jahre durch die Athletenleistungen in jeder Altersklasse geschaffen. Erst dann war man in der Lage, sich Schritt für Schritt an die Faktoren heranzuwagen. Auch heute gibt es weitere Gewichtsänderungen, so dass es nicht einfach ist, diese Dinge sofort in der Bewertung mit einzuplanen.

Es kann also bereits in den folgenden Jahren sein, dass die erstellten theoretischen Erfahrungswerte für die Faktoren (neue Gewichte ab 2010), korrigiert werden müssen, da es keine Vorgabeleistungen gibt. Die ständigen Veränderungen machen dies nicht einfacher.

1987 - das Jahr, in dem sich die Senioren zu den "Weltbestenkämpfen" in Melbourne trafen. Ein Glücksfall für mich, dass ich in Melbourne,
Adolf Koch kennen lernte. Adolf Koch war ein "Besessener", im besten Sinne des Wortes. Ein Leichtathlet mit Herz für seinen Sport.
Er befasste sich als einer der ersten mit den Faktoren.

Von ihm erfuhr ich erstmalig etwas über Faktoren für Mehrkämpfe. Bis dato hatte ich mir keine Gedanken gemacht, wie die Bewertung der älteren Mehrkämpfer erfolgte.

1989 - bei den internationalen amerikanischen Meisterschaften, den USATF, in San Diego erlebte ich ein Vorgaberennen.
Diese Einlageläufe über 200m, bei denen verschiedene Altersklassen mit den entsprechenden Vorgaben gegeneinander starteten,
beeindruckte mich am meisten. Bis zum Ziel schmolzen die teilweise riesigen Vorgaben der älteren Altersklassen zusammen,
so dass fast alle Teilnehmer gleichzeitig das Zielband erreichten. Dieser erste Eindruck eines "Ausgleichs" hatte sich bei mir festgesetzt.

Bei der folgenden WM in Eugene traf ich Adolf Koch wieder - inzwischen waren 2 Jahre vergangen. Während dieser Zeit hatte er einen ganzen Ordner mit Berechnungen erstellt, die er mir in den folgenden Tagen in Etappen erklärte. Selbst diese Zeit war zu kurz, um alles verstehen zu können. Ich war zunächst beeindruckt, hatte aber sofort bei etlichen Auswertungen Vorbehalte angemeldet. Diese Faktoren stellte er der WAVA zur Verfügung.

1994 - ein Jahr der Entscheidungen.

Erstmalig wurden auch in Deutschland die WAVA-Faktoren zur Auswertung der Mehrkämpfe eingeführt.
Die Landes-Mehrkampfmeisterschaften/Niedersachsen 1994 in Lingen waren meine letzte Teilnahme an einem läuferischen Mehrkampf,
da sich bei mir, besonders beim Weitsprung, Rückenprobleme bemerkbar machten. Trotzdem hatte ich nach Ende dieses Mehrkampfes einen Abschluss nach Mass.

Große Teilnehmerfelder, 16 Aktive allein in der M55, machten diese Meisterschaft in Verbindung mit den WAVA-Faktoren zu einem besonderen Ereignis. Noch überraschender für mich, dass ich zum Abschluss der Veranstaltung den Pokal für die beste Tagesleistung aller Teilnehmer erhielt, sehr zum Leidwesen der guten Sprinter und 1500m-Läufer. Nachdem ich diese Mehrkämpfe in aller Ruhe analysierte, musste ich ihnen recht geben. Meine beiden Wurfleistungen (Diskus und Speer) haben den Ausschlag dazu gegeben - sie wurden einfach zu gut bewertet.

Warum diese lange Vorgeschichte?

Die Bewertung dieser Mehrkämpfe war für mich, als "Gerechtigkeitsfanatiker", der Zeitpunkt, da ich mir erstmalig Gedanken über die Erstellung eigener Faktoren machte.

Ich habe die ersten Bausteine für eigene Faktoren erstellt, musste jedoch sofort erkennen, dass diese Aufgabe schwieriger war, als ich sie mir vorgestellt hatte.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten fand ich einen ganz neuen Weg zur Erstellung von Ausgleichs-Faktoren.

Danach folgten noch zwei weitere Wege, die mir von der WMA (zuvor WAVA) vorgegeben worden sind, bevor letztendlich die Ausführung III als WMA-Faktoren "Model 2010" übernommen wurden.


Die drei Berechnungswege.





Bewertung: Ausführung I


Für mich galt immer die Vorgabe, dass Faktoren nur als AUSGLEICH der verloren gegangenen Leistungen (Leistungsreduktion) gedacht werden sollten.

Über 24.000 Leistungen waren Grundlage meiner Langzeitstatistiken, auf denen wiederum die Berechnungen für neue Faktoren basierten.
In dieser Langzeitstatistik wurden in jeder Disziplin Leistungen von Athleten/innen berücksichtigt, die in mindestens 6 Altersklassen erfasst werden konnten. Es mussten durch persönliche Nachfragen bei vielen Athleten Details für deren Bewertung eingeholt werden, die wichtig bei der Auswahl bzw. Beurteilung der erzielten Leistungen waren - Krankheiten, Verletzungen, Familie etc.
Nur anhand dieser Leistungen Tausender von Athleten und Athletinnen war es erst möglich, eine vernünftige Ausgangsbasis für jede Altersklasse und Disziplin zu finden.

Die prozentuale Leistungsreduktion jedes einzelnen Athleten wurde zunächst in jeder Disziplin von der M30/W30 zur folgenden AK berechnet - dann erfolgte eine Schnittbewertung aller in Frage kommenden Athleten.

Diese prozentualen Werte wurden grafisch in einer Kurve erkennbar gemacht. Der grobe Kurvenverlauf war durch die Leistungs-Schnittberechnungen der Athleten vorgegeben - nun folgte die Feinarbeit. Die leichten Abweichungen im Kurvenverlauf sind korrigiert worden,
so dass dies eine gleichmäßig verlaufende Kurve ergab.


Diese ablesbaren prozentualen Werte wurden dann in Faktoren umgerechnet. Die Bestätigung, das dieser Weg die einzig realistische Möglichkeit einer korrekten und gerechten Faktorenerstellung sei, erhielt ich nach Durchsicht meiner Berechnungen von Herrn Prof. Viktor Trkla (Prag).
Viktor Trkal war einer der Väter, die die Bewertung der internationalen Leichtathletik-Mehrkampfwertung der IAAF stark mit beeinflusste.

Verständnis sollte man dafür haben, dass die Faktoren (allgemein) nicht immer allen Unwägbarkeiten des Alterns gerecht werden. Durch den Faktor können bei einigen (insbesondere älteren) Athleten „neue Leistungen“ entstehen, die über die der persönlichen Bestleistungen hinausgehen (u.a. auch anlagebedingt) - es ist schließlich eine Schnittberechnung aller bewerteten Leistungen.
Diese AK-Faktoren bilden wiederum die Grundlage zur Errechnung eines Altersklassenausgleichs für die Männer- und Frauenklassen.

Kurz noch einmal zur Erinnerung:

Im Februar 2002 wurde auf der Sitzung des DLV beschlossen, die bisherigen AK-Faktoren (WAVA) für die Mehrkämpfe ersatzlos abzuschaffen.
Der Grund lag in der ungerechten Bewertung durch die bisherigen WAVA-Faktoren, die sich in steigendem Masse, von AK zu den folgenden,
immer stärker bemerkbar machte.

Zu diesem Zeitpunkt waren meine Ausarbeitungen für neue Faktoren (für alle Disziplinen - Männer und Frauen) bereits fertig. Rund 34 Monate oder fast 3 Jahre habe ich damit verbracht, mich mit Werten, Berechnungen, Diagrammen und Zahlen konstruktiv auseinander zu setzen. Zielsetzung für mich war es, dass ein Ausgleich für die Mehrkämpfe (alle AK) geschaffen werden musste, der niemanden benach- oder bevorteilte. Der Verlust der Leistung (Leistungsreduktion) von Altersklasse zu AK musste durch diese Faktoren lediglich ausgeglichen werden.


Zeitgleich, ohne das ich es wusste, hatte die WMA (WORLD MASTERS ATHLETICS) beschlossen, ebenfalls einen verbesserten Faktor zu erstellen. Im Juni 2002 erhielt ich ein Handbuch der WMA, das für die Spiele in Puerto Rico bereits gedruckt worden war, in dem die soeben fertiggestellten Faktoren der WMA bereits fest verankert waren.

Die dann vorgenommenen Berechnungen und direkten Vergleiche mit diesen WMA-Faktoren ergaben, dass gravierende Mängel erkennbar wurden. Alle WMA-Faktoren basierten auf dem absoluten Weltrekord (offene Klasse), d. h. dass die Weltrekorde des Spezialisten Maßstab und gleichzeitig Ausgangspunkt der Berechnungen für die Wertung eines Mehrkämpfers im Seniorenbereich waren.

Durch die neuen WMA-Faktoren werden die Bestleistungen in den Altersklassen schrittweise auf das Welt-Niveau der offenen Klasse angehoben, d.h. dass die Punktebewertung erweitert sich von AK zu AK zu einer Schere und wird somit immer ungerechter.
Ich bekam die Möglichkeit meine Faktoren im direkten Vergleich zu den WMA Faktoren 2002 zu stellen und auf dessen extreme Probleme in der Zukunft hinzuweisen.

Bei diesem Treffen im September 2002 in Darmstadt wurden anstehende Bewertungskonzepte verglichen und in Abstimmung aller Teilnehmer - WMA-President Torsten Carlius, WMA-Vice-President Rex Harvey, EVAA-President Dieter Massin, EVAA Technical Manager Wilhelm Köster und IAAF Scoring Tables Spezialist Prof. Viktor Trkla - erhielt Bernd Rehpenning den Auftrag ein
neues Konzept zu erstellen (siehe Ausgleichs-Tabelle).

Vorgabe war, dass eine reine Punktetabelle erarbeitet werden muss, deren Basisberechnung durch die Faktoren-Rehpenning erfolgen sollte.
Dieter Massin - der damalige Vize-Präsident des DLV und Präsident des europäischen Senioren-Verbandes - erhielt im Januar 2003 die komplett erstellte neue Ausgleichswertung, die zuvor von Prof. Viktor TRKLA/CZE im Detail geprüft und für wesentlich besser befunden wurde wie die WMA-Faktoren 2002.





Bewertung: Ausführung II


DER AUSGLEICH.

Die Vorgabe war also, einen neuen Weg zu finden, bei dem ein einmaliger Ausgleich für jede Disziplin zu erfolgen hatte.

 I. Zunächst wird ein Mehrkampf (M30/W30 - M100/W100) nach der IAAF-Mehrkampfwertung (Internationale Leichtathletik-Mehrkampfwertung)     ausgewertet.

II. Hinzugerechnet wird ein Altersklassenausgleich (Männer- und Frauenklassen), der von folgenden Voraussetzungen ausgeht:
    Zunächst muss die Basis (Faktor 1) in jeder Disziplin festgelegt werden.
    - die Basisleistung für jede Disziplin (Faktor 1 - M30/W30) wird aus den jeweils 22 weltbesten Mehrkämpfleistungen dieser Klasse errechnet,
      die alle eine Punktzahl von über 8.100 (Zehnkampf) /5.900 (Siebenkampf) erzielt haben.

Beim Mehrkampf kommt es bekanntlich zu folgenden Unwägbarkeiten, z.B. bei
   - extremen Witterungsbedingungen (Rücken- und Gegenwind, Regen, Hitze)
   - ungültigen Versuchen (Sicherheitssprünge und -würfe)
   - unterschiedliches Leistungsniveau.

Aus diesem Grunde entfallen in der Gesamtheit die zwei schlechtesten Leistungen jeder Disziplin. Aus den deshalb verbleibenden 20 Zehnkampf-Leistungen in jeder Disziplin wurde eine Durchschnittsleistung errechnet. Diese beträgt z.B. beim Zehnkampf der AK M30/W 30 8.497 Punkte bzw. Siebenkampf 6.441 Punkte.

Beispiel der Weitsprungberechnung.
In der Tabelle sind die Basisberechnungsleistungen (Faktor 1) für jede Disziplin aufgeführt.

1.) Von den 22 weltbesten Zehnkämpfern (M30) werden die 20 besten Leistungen pro Disziplin im Schnitt bewertet. Danach werden diese      Leistungen mit der IAAF-Mehrkampfwertung bepunktet. Es ergibt sich ein "Durchschnittszehnkampf" von 8.497 Punkten.

2.) Beispiel der neuen Punktebewertung Weitsprung.
a.) Der Schnitt der 20 weltbesten Zehnkampfleistungen ist 7,49 m = 932 Punkte (Faktor 1) - die 2 schlechtesten Leistungen entfallen.
b.) diese 7,49 m dividiert durch 1,0911 (Faktor Rehpenning für die M40) = 6,86 m, d. h. der Athlet wäre in der M 40 nur noch in der Lage
     6,86 m zu springen / 6,86 m = 781 Punkte.
     Er hat also in der M 40 einen Leistungsverlust von 7,49 m zu 6,86 m = 0,63 m oder in Punkten ausgedrückt = 932 - 781 = -151 Punkte
c.) dieser Verlust von 151 Punkten wird dem Weitspringer in der M40 zu seiner IAAF-Wertung zugeschlagen - die gleiche Art der Bewertung      erfolgte in allen AK.





Bewertung: Ausführung III


WMA-Faktoren "Model 2010".

Das Konzept: Bei der Erstellung der Faktoren habe ich mich bemüht, beiden Seiten gleichermaßen gerecht zu werden.
   - den Kriterien der WMA, die besagen, dass die errechneten Leistungen auf ein angenähertes Weltniveau gebracht werden,
   - sowie meiner Vorstellung, dass die Bewertung in allen Altersklassen das gleiche Leistungsniveau beinhaltet.


Das letzte Jahr erforderte noch einmal ein Stück harter Arbeit, da ein Kompromiss mit Rex Harvey eingegangen werden musste.
Das bedeutet, dass
alle Altersklassenleistungen auf einem etwas erhöhten Wert errechnet werden sollten, die einen internationalen Maßstab widerspiegeln - den Kriterien der WMA.

Voraussetzung hierfür waren folgende gemeinsame Überlegungen:

1. Der Ausgangspunkt der Faktoren ist nunmehr die Altersklasse M/W 35 - bisher waren es die Weltrekorde der
offenen Klasse.
    Dadurch wird der Basiswert (Berechnungsgrundlage) der bisherigen WMA-Faktoren enorm gedrückt.

2. Eine Sicherheits-Zone verhindert, dass in Zukunft überragende Senioren-Leistungen, in Bewertung mit diesen Faktoren,
    über den absoluten Bereich der Weltrekorde (offene Klasse) hinausgehen.

3. Hierzu wurde folgende Berechnung gewählt.
    Der Ausgangswert sind die weltbesten Leistungen von nicht gedopten Athleten. Der Wert von ungefähr 98% dieser weltbesten Leistung
    ist gleichzeitig die Berechnungsbasis in jeder Disziplin. Das bedeutet, dass die Sicherheitszone etwa 2% beträgt (ein wenig flexibel).

Der besondere Vorteil: Die Berechnungsgrundlagen sind nicht mehr auf fragwürdige Weltrekorde der jeweiligen Disziplinen angewiesen.

Bernd Rehpenning
Der Weg zu den Faktoren.

Eine einfache optische Darstellung der Faktoren, die z.Z. für WMA auch für die Laufstrecken erstellt wurde.

Beispiel:

Zunächst wird die Leistungsreduktion bei den Weltrekorden der 5000m-Läufer in jeder Altersklasse errechnet, die im Laufe der Alterklassen eintreten. Das Diagramm zeigt den optischen Weg.

Die rote Weltbesten-Kurve (eckig) zeigt die unterschiedlichen Werte eines Rekords aus jeder Altersklasse - es gibt eben gute und weniger gute Weltrekorde. Oberhalb dieser Kurve ist der angepasste Faktor zu erkennen - der Faktor gibt Spielraum für eventuelle Verbesserungen.

Bis zur Altersklasse M55 verläuft die Leistungsreduktion geradlinig - das bestätigte mir auch der ehemalige Vize-Präsident der WMA Rex Harvey. Darauf beschleunigt sich diese Reduktion, so dass eine immer stärker werdende Kurve zu erkennen ist.